„Jetzt ist Winter, sag das für mich“. Ich sitze auf seiner Fensterbank und rauche, aber der Rauch säuselt immer wieder zurück ins Zimmer, statt aus dem Fenster hinaus. Draußen hat es leise begonnen zu schneien.
„Du musst nach oben rauchen. Warme Luft zieht oben raus und zieht den Rauch dann mit.“
„Sag schon.“
„Jetzt ist Winter.“
Ich schließe meine Augen.
„Nochmal.“
„Jetzt ist Winter.“
Kann man Stimmen einfangen? Und Muttermale und kleine Härchen auf großen Zehen und Adern, die sich vom Handrücken den Unterarm hinaufziehen? Und Stimmen, ganz besonders Stimmen? Sie sind so flüchtig, man meint, man könne sie behalten, aber eigentlich kann man sie nur wiedererkennen. Abspielen und wieder abspielen kann man sie nie. Ich frage mich, was mir irgendwann einmal bleiben wird, wenn alles wie immer sein Ende nimmt, wenn es nicht einmal seine Stimme sein wird. Wann bekommt man so etwas denn schon mal zu hören, „Jetzt ist Winter“ und dann auch noch nur für einen selbst, allerhöchstens einmal im Jahr.
„Jetzt ist Winter.“
Seine Stimme klingt so warm, sein „Jetzt ist Winter“, so als würde allein sie den Dampf in der kalten Luft erzeugen und nicht sein Atem. „Jetzt ist Winter“. Er macht den Satz nicht länger, als er sein muss, gibt ihm aber auch seine Zeit und eigentlich flüstert er ihn. Nicht tatsächlich aber eigentlich. Man kann fast hören, wie seine Zunge hier einmal einen Schneidezahn berührt und dort kurz am Gaumen kleben bleibt. Geschichtenerzähler hätte er werden sollen, Geschichtenerzähler und nicht Schreiner.
„Komm schon“, sagt er, beugt sich vor und küsst mich auf die Stirn, „lass uns schlafen gehen.“ Und ab jetzt läuft die Zeit, irgendwann erklingt jede Stimme ein letztes Mal, irgendwann sagt jeder ein letztes Mal „Jetzt ist Winter“. Nur für diese eine Person.